Seit ihrer Markteinführung im Jahr 1954 gilt die Fender Stratocaster als eine der prägendsten E-Gitarren der Musikgeschichte. Ein Urteil des Landgerichts Düsseldorf (Az. 14c 64/25) könnte nun weitreichende Folgen für Hersteller und Händler ähnlicher Modelle haben. Der Musikfachhändler Thomann setzt sich gegen diese Entwicklung zur Wehr und will gerichtlich klären lassen, wie weit der urheberrechtliche Schutz der berühmten Gitarrenform tatsächlich reicht.
Warum die Stratocaster-Form geschützt sein soll
Das Landgericht Düsseldorf entschied am 22. Dezember 2025, dass der Korpus der Fender Stratocaster ein urheberrechtlich geschütztes „Werk der angewandten Kunst“ ist. Damit behandelt das Gericht die Form nicht nur als funktionales Produktdesign, sondern als persönliche und kreative Leistung.
Besonders hervorgehoben wurden die weichen Rundungen, die asymmetrischen Linien, die beiden unterschiedlich langen „Hörner“ und das auf die Korpusform abgestimmte Schlagbrett. Das Gericht verglich die Form sogar mit einer zur Seite geneigten Tänzerin.
Für das konkret verklagte chinesische Unternehmen bedeutet die Entscheidung: Es darf die beanstandeten Gitarren in Deutschland nicht mehr vertreiben. Nach Auffassung des Gerichts besteht der Urheberrechtsschutz hierzulande grundsätzlich bis 2041.
Was ein Versäumnisurteil bedeutet
Die Entscheidung ist jedoch kein abschließendes Grundsatzurteil nach einem vollständig geführten Rechtsstreit. Die beklagte Firma hatte nicht rechtzeitig erklärt, dass sie sich gegen die Klage verteidigen möchte. Deshalb musste das Gericht die nachvollziehbar vorgetragenen Tatsachen von Fender grundsätzlich als zugestanden behandeln.
Gegenargumente zur Entstehung der Form, zu ihren technischen Funktionen oder zur jahrzehntelangen Verbreitung ähnlicher Gitarren wurden daher nicht umfassend geprüft. Es ist somit offen, ob ein Gericht in einem Verfahren mit zwei aktiv streitenden Parteien zum gleichen Ergebnis kommen würde. Das Urteil ist außerdem kein automatisches Verbot sämtlicher Gitarren im sogenannten ST-Stil.
Warum Thomann gegen Fender vorgeht
Fender nutzte das Düsseldorfer Urteil nach Medienberichten, um Hersteller und Händler ähnlicher Gitarren abzumahnen. Thomann ist davon doppelt betroffen: Das Unternehmen verkauft zahlreiche Modelle anderer Marken und bietet über seine Eigenmarke Harley Benton selbst Stratocaster-ähnliche Instrumente an.
Am 22. Juni 2026 erklärte Thomann, rechtliche Schritte eingeleitet zu haben. Ziel ist eine gerichtliche Klärung, ob Fender tatsächlich weitreichende Urheberrechte an der Korpusform beanspruchen kann. Der Musikhändler sieht dabei nicht nur das eigene Sortiment, sondern auch Vielfalt, Innovation und Wettbewerb in der Gitarrenbranche betroffen.
Was das für Hersteller und Händler bedeutet
Sollte sich Fenders Rechtsauffassung durchsetzen, könnten Anbieter sehr ähnlicher Gitarren mit Unterlassungsforderungen, Schadensersatz, Rückrufen und weiteren Kosten konfrontiert werden. Entscheidend wäre im jeweiligen Einzelfall, ob kreative Merkmale der Stratocaster erkennbar übernommen wurden. Eine andere Farbe, Kopfplatte oder technische Ausstattung würde möglicherweise nicht genügen, um eine Urheberrechtsverletzung auszuschließen.
Private Besitzer müssen ihre bereits gekauften Gitarren wegen des Urteils nicht abgeben. Die Düsseldorfer Entscheidung betrifft den Vertrieb konkret beanstandeter Instrumente. Für Händler und Gitarrenbauer bleibt die Situation dennoch unsicher, bis die offenen Rechtsfragen in einem streitigen Verfahren geklärt werden.
Die nächste Runde entscheidet
Der Düsseldorfer Richterspruch stärkt zunächst die Rechtsposition von Fender, schafft aber noch keine endgültige Klarheit für den gesamten Gitarrenmarkt. Das Vorgehen von Thomann könnte nun zeigen, ob die ikonische Stratocaster-Form tatsächlich bis 2041 geschützt bleibt oder wegen ihrer technischen Merkmale und jahrzehntelangen Verbreitung rechtlich anders bewertet werden muss.
Ist jede Stratocaster-ähnliche Gitarre jetzt verboten?
Nein. Das Urteil untersagt zunächst einem bestimmten Unternehmen den Vertrieb konkret geprüfter Gitarren in Deutschland. Bei anderen Modellen wäre eine eigene rechtliche Prüfung erforderlich.
Warum ist das Urteil umstritten?
Es handelt sich um ein Versäumnisurteil. Die beklagte Firma verteidigte sich nicht, weshalb wichtige Gegenargumente bislang nicht umfassend verhandelt wurden.
Dürfen Musiker ihre vorhandenen Gitarren weiterhin spielen?
Ja. Das Urteil verbietet weder den gewöhnlichen Besitz noch das Spielen einer bereits gekauften Gitarre.
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