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Wann sind Ärztesiegel wettbewerbsrechtlich zulässig? BGH entscheidet am 7. Mai 2026

Ärztesiegel sind ein starkes Werbemittel – rechtlich aber nicht unproblematisch. Am 7. Mai 2026 entscheidet der BGH.

Der Bundesgerichtshof (Az. I ZR 130/25) verhandelt am 7. Mai 2026, 10:00 Uhr, über einen Sachverhalt, der für den Gesundheitsmarkt erhebliche praktische Relevanz hat. Im Mittelpunkt stehen Ärztesiegel wie „TOP-Mediziner“ und „FOCUS EMPFEHLUNG“, also Auszeichnungen, die Aufmerksamkeit schaffen, Vertrauen fördern und in der Außendarstellung von Ärzten und Gesundheitsanbietern eine nicht unerhebliche Rolle spielen. Gerade weil solche Siegel im Markt eine starke Werbewirkung entfalten, stellen sich zugleich rechtliche Fragen nach Transparenz, Aussagekraft und wettbewerblicher Zulässigkeit.

Warum sind Ärztesiegel rechtlich so relevant?

Ärztesiegel spielen in der Außendarstellung von Praxen, Portalen und Gesundheitsdienstleistern eine erhebliche Rolle. Sie schaffen Vertrauen, lenken Aufmerksamkeit und können eine besondere Stellung im Wettbewerb vermitteln. Genau darin liegt aber auch das Konfliktpotenzial: Sobald Auszeichnungen, Rankings oder Qualitätssiegel im geschäftlichen Verkehr eingesetzt werden, stellen sich regelmäßig Fragen nach Transparenz, Objektivität, Irreführungsgefahr und fairen Wettbewerbsbedingungen. Maßgeblich ist dann nicht nur, wie ein Anbieter sein Siegel selbst versteht, sondern vor allem, welche Aussage die angesprochenen Verkehrskreise dem Siegel tatsächlich beimessen.

In dem Verfahren geht es um Auszeichnungen als „TOP-Mediziner“ beziehungsweise „FOCUS EMPFEHLUNG“. Streitentscheidend ist insbesondere die Frage, ob und in welchem Umfang solche Siegel mit klassischen Prüf- oder Gütesiegeln vergleichbar sind. Das OLG München hat als Vorinstanz die Klage abgewiesen und ausgeführt, der Verkehr wisse aufgrund der prominenten Verwendung des FOCUSLogos, dass es sich nicht um das Zeichen eines neutralen Prüfinstituts, sondern um die Bewertung eines Medienunternehmens handele. Zudem, so das Gericht, erwarte der Verkehr bei der Bewertung freiberuflicher Leistungen ohnehin keine vollständig objektivierbaren Maßstäbe wie bei technischen Warentests. 

Bemerkenswert ist dabei, dass das OLG die Siegel nicht als bloße werbliche Selbstanpreisung verstanden hat, sondern als Ergebnis eines redaktionell geprägten Recherche- und Auswahlprozesses. Nach den Feststellungen der Vorinstanz beruhte die Erstellung der Listen unter anderem auf der Bildung eines Recherchepools, der Auswertung öffentlicher Datenquellen, Fragebögen, Kolleginnen- und Kollegenempfehlungen, einem Scoring-System sowie einem abschließenden Plausibilitätscheck. Gerade diese Mischung aus objektivierbaren und wertenden Elementen macht den Fall rechtlich besonders interessant.

Warum ist hier das Wettbewerbsrecht einschlägig?

Das Lauterkeitsrecht ist hier deshalb zentral, weil die beanstandeten Siegel im geschäftlichen Verkehr zu Werbezwecken eingesetzt werden. Es geht also nicht um eine rein interne oder redaktionelle Bewertung, sondern um marktbezogene Aussagen, mit denen Ärzte und andere Beteiligte werben können. Rechtlich entscheidend ist, welche Vorstellung das Publikum mit einem solchen Siegel verbindet: Wird der Eindruck einer besonders belastbaren, neutralen und nachvollziehbaren Qualitätsaussage erweckt, obwohl die Grundlagen dafür nicht hinreichend transparent sind, kann eine Irreführung in Betracht kommen. Genau deshalb liegt der Schwerpunkt auf den wettbewerbsrechtlichen Maßstäben zu Irreführung, Aussagegehalt und wesentlichen Informationen. 

Das OLG München (Urteil v. 22. Mai 2025, Az.: 29 U 867/23 e) hat den Fall ausdrücklich unter dem Blickwinkel der §§ 3, 5 und 5a UWG geprüft und einen Unterlassungsanspruch verneint. Nach seiner Auffassung fehlte es insbesondere an einer unlauteren Irreführung, weil die Auszeichnungen in einem seriösen Verfahren vergeben worden seien, der Verkehr sie als Empfehlung eines Medienunternehmens verstehe und ihre Aussagekraft nicht durch ein vollständiges Fehlen objektiver Kriterien entwertet werde. Zugleich zeigt die Entscheidung aber auch, dass die wettbewerbsrechtliche Prüfung bei Siegeln stets stark von Gestaltung, Kontext und Verkehrsverständnis abhängt.

Praktische Bedeutung für Unternehmen und Anbieter

Das Verfahren dürfte für alle Beteiligten relevant sein, die mit Ärztesiegeln werben, solche Siegel vergeben oder deren Verwendung rechtlich überprüfen lassen wollen. Unabhängig vom späteren Ausgang zeigt der Fall bereits jetzt, dass Ärztesiegel kein bloßes Marketingdetail sind. Wer mit Auszeichnungen arbeitet, sollte insbesondere prüfen, ob die Kriterien nachvollziehbar offengelegt werden, ob die Aussagekraft des Siegels zutreffend dargestellt wird und ob Nutzer, Patienten oder sonstige Marktteilnehmer erkennen können, auf welcher Grundlage die Bewertung oder Auszeichnung erfolgt. Zum verwandten Thema Arzneimittelpreisbindung lesen Sie auch unseren Beitrag: Sind Gutscheine bei verschreibungspflichtigen Arzneimitteln zulässig?

Gerade im digitalen Umfeld können Ärztesiegel einen erheblichen Einfluss auf die Wahrnehmung von Qualität, Vertrauen und Reputation haben. Entsprechend hoch ist das Risiko, dass unklare oder missverständliche Darstellungen rechtlich angegriffen werden – sei es unter wettbewerbsrechtlichen Gesichtspunkten, sei es im weiteren Kontext von Reputations- und Kommunikationsfragen. Für Anbieter von Siegelmodellen bedeutet das insbesondere: Die Methodik sollte belastbar dokumentiert, die Vergabepraxis konsistent und die werbliche Nutzung rechtlich sauber ausgestaltet sein. 

Unsere Einordnung

Der Fall zeigt, dass die Vergabe von Ärztesiegeln rechtlich relevant geworden ist. Für Anbieter von Rankings, Plattformen, Medienunternehmen, Agenturen und beworbene Leistungserbringer ist das ein deutliches Signal: Vertrauenswerbung im Gesundheitsmarkt verlangt rechtliche Sorgfalt.

Sobald eine Entscheidung vorliegt, wird sich besser beurteilen lassen, welche Anforderungen der BGH an Ärztesiegel im Einzelnen stellt. Schon jetzt gilt aber: Wer Siegelmodelle entwickelt, vermarktet oder nutzt, sollte die rechtliche Tragfähigkeit frühzeitig prüfen.

Sind Ärztesiegel grundsätzlich wettbewerbsrechtlich zulässig?

Ja, Ärztesiegel sind nicht per se unzulässig. Entscheidend ist, ob die Vergabekriterien transparent offengelegt werden, ob der Verkehr den Charakter als Empfehlung eines Medienunternehmens erkennt und ob keine irreführenden Angaben über Aussagekraft oder Verfahren gemacht werden (§§ 3, 5, 5a UWG).

Was hat das OLG München entschieden?

Das OLG München (Urteil v. 22. Mai 2025, Az.: 29 U 867/23 e) hat einen Unterlassungsanspruch verneint: Die Siegel seien in einem seriösen Verfahren vergeben worden, der Verkehr verstehe sie als Empfehlung eines Medienunternehmens, und eine unlautere Irreführung i. S. v. §§ 3, 5, 5a UWG sei nicht feststellbar. Hinweis: Das Ersturteil des LG München I (Klage stattgegeben, 13. Februar 2023) fehlt im Beitrag noch – bitte ergänzen.

Was bedeutet die BGH-Entscheidung am 7. Mai 2026 für die Praxis?

Der BGH wird am 7. Mai 2026, 10:00 Uhr (Az. I ZR 130/25), grundsätzliche Maßstäbe für die wettbewerbsrechtliche Zulässigkeit von Ärztesiegeln festlegen. Unternehmen, die mit solchen Siegeln werben oder sie vergeben, sollten das Urteil abwarten. Bis dahin empfiehlt sich eine kritische Prüfung der Vergabekriterien, der Offenlegungspflichten und der Verkehrsanschauung.

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Dennis Tölle

Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht
Fachanwalt für gewerblichen Rechtsschutz

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Florian Becker

Rechtsanwalt

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